Gastbeitrag von Stefano Vicinoadio: Liebe

Juni 15, 2016

Liebe (über mhd. liep, „Gutes, Angenehmes, Wertes“ von idg. *leubh- gern, lieb haben, begehren) ist im Allgemeinen die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegenzubringen in der Lage ist. Das Gefühl der Liebe kann unabhängig davon entstehen, ob es erwidert wird oder nicht. (Quelle: Wikipedia)

Wegen der Liebe, werden Kriege geführt. Menschen trinken Unmengen von Alkohol oder nehmen Drogen wegen der verlorenen Liebe. Sie prügeln und töten sich gegenseitig wegen vermeintlicher Liebe. Sie kaufen jedes Jahr für Millionen von Euro Blumen an Valentinstag. Sie heiraten und geben auch dafür Unsummen aus. Singlebörsen im Internet boomen und verdienen sich mit der Sehnsucht der Menschen nach Liebe eine goldene Nase und manch einsamer Mann geht so weit, dass er sich eine Frau aus einem anderen Land vermitteln lässt. Das andere Extrembeispiel sind Frauen, die sich aus Angst schmerzhaften und teuren Operationen aussetzen, weil sie glauben die Liebe mit dem was sie zu bieten haben nicht finden zu können. Teenager hängen sich auf und ritzen sich wegen der Liebe. Hollywood, Bollywood und eine riesige Pornoindustrie schlachtet das Thema in etwa so sehr aus, wie Wiesenhof am Tag 100.000 Hühner.

Tja – was habe ich mir nur für ein Thema ausgesucht für meinen ersten Gastbeitrag? Die Liebe ist ein so komplexes Thema, dass ich mich hier auf meine ganz eigene Sicht der Dinge beschränken möchte. Diese beruhen auf meinen ganz eigenen Erfahrungen und haben, wie ihr euch denken könnt, keine allgemeine Gültigkeit und sind vor allem nicht wertend.

Zu Beginn möchte ich gleich einmal meine persönliche Definition anbringen: Meine Liebe macht keinen Unterschied!

Ich erkenne selbst zu wenig Unterschied zwischen der Liebe. Das reine Gefühl für meinen besten Freund und der Liebe zu einem potentiellen Partner, aber auch die Liebe zu meinem Hundeopa oder meinem Sohn, ist im Grunde genommen für mich immer dieselbe Liebe.

„Die abendländische Auffassung von Liebe wird von der Dreiteilung der antiken Terminologie geprägt. In der Antike wurden drei Begriffe verwendet, die unterschiedliche Formen von Liebe bezeichneten:

Éros – bezeichnet die sinnlich-erotische Liebe, das Begehren des geliebten Objekts, den Wunsch nach Geliebt-Werden, die Leidenschaft;
Philía – bezeichnet die Freundesliebe, Liebe auf Gegenseitigkeit, die gegenseitige Anerkennung und das gegenseitige Verstehen;
Agápe – bezeichnet die selbstlose und fördernde Liebe, auch die Nächstenliebe und die Feindesliebe, die das Wohl des Anderen im Blick hat.“ (Quelle: Wikipedia)

Ich sehe das für mich ganz anders. Denn ich fühle selbst zwar den Unterschied, wie oben beschrieben, aber das Gefühl der Liebe ist bei all den Menschen, die ich liebe das selbe starke Gefühl, das in mir den starken Drang auslöst alles, aber auch wirklich alles zu tun, damit es diesem Menschen oder auch diesem Tier gut geht. Deswegen mündete meine Liebe zu Tieren auch darin mich vegan zu ernähren und vegan leben zu wollen.

Das beste Beispiel, welches auch am häufigsten, vor allem von meinen ehemaligen Partnerinnen, missverstanden oder fehlinterpretiert wird und wurde ist folgendes:

Ich liebe meinen Partner nicht anders wie meinen besten Freund. Der einzige Part, der dazu kommt und der es „anders“ macht ist, dass ich meinen Partner zusätzlich auch körperlich begehre und sexuell anziehend finde. Wobei letzteres einfach mal nichts mit Liebe im eigentliche Sinne zu tun hat, denn der Akt an sich geht auch ganz gut ohne Liebe. Ob man das auslebt oder nicht. ist wieder ein anderes Thema, aber es geht rein technisch ziemlich gut.

Wenn ich dieses Beispiel bringe, kommt immer der empörte Blick, der mir sagen will: „WAS!? Du liebst mich nicht mehr als alles andere auf dieser Welt?“

Wie leicht man doch jemanden verletzen kann, indem man sagt, dass man keinen Unterschied macht ist ist schon erstaunlich. Denn im Umkehrschluss bedeutet es doch auch: „Hey, du bist sehr viel mehr als nur mein Partner mit dem ich schlafe. Du musst quasi auch mein bester Freund sein, damit es zur Komponente Sex, die den letztendlichen Unterschied macht, überhaupt kommen kann.“

Darum bedeutet es für mich aber auch, dass diese persönliche Definition von Liebe, es mir sehr schwer macht nach einer Trennung zu sagen: „Lass mal Freunde sein!“

Klingt komplizierter als es ist.

Da ich keinen Unterschied mache kann ich mit jemandem, mit dem es zwischenmenschlich nicht funktioniert hat, nicht plötzlich „nur“ befreundet sein. Denn es ist wie bei einer Freundschaft auch, man lebt sich auseinander, oder enttäuscht sich gegenseitig so oft, dass man irgendwann einen Break macht. Es bricht also die Liebe weg. Wenn diese nicht mehr vorhanden ist, kann ich persönlich auch nicht sagen: „Lass mal Freunde sein!“ Aber auch hier gibt es Ausnahmen, die zeigen das nichts in Stein gemeißelt ist.

Worauf ich hinaus möchte ist folgendes:

Wieso machen wir oder wieso bestehen wir auf einen Unterschied in der Art und Weise und der Intensität der Liebe, die wir geben und die wir empfangen?

Ist es nicht doch nur eine sehr durch Medien, Film, Fernsehen, Werbung und Liebesromane herbeigeführte, egoistische Herangehensweise, die mein gegenüber so sehr unter Druck setzt, dass er oder sie dieser Erwartungshaltung gar nicht gerecht werden kann?

Der Mensch ist als raffgieriges, einnehmendes, manchmal leicht parasitär agierendes Wesen bekannt. Das sieht man insbesondere durch die Art und Weise, wie wir mit der Welt/Umwelt umgehen, obwohl wir wissen, dass es uns und unseren Nachkommen nicht gut geht. Man sieht es an unserer Ernährung, obwohl wir wissen, dass für diesen zweifelhaften Genuss jeden Tag unzählige Leben ausgelöscht werden und arme Seelen unsagbare Qualen leiden. Wir uns Fleisch und Milchprodukte reinstopfen, obwohl eine gesunde, vegane Ernährung absolut keinen Verzicht oder sonstige Probleme bedeutet. Und dennoch sehen sich die meisten Menschen so sehr im Mittelpunkt ihres eigenen Lebens, dass all das für ihren Genuss, Kick oder ihre Bequemlichkeit zurückstecken muss. Die Vorstellung sich selbst zurück zu nehmen, zu verzichten oder gar dem ganzen entgegen zu wirken, verursacht in vielen Menschen eine regelrechte Panik.

So oder so ähnlich ist es doch in der Liebe auch sehr oft.

Viele wollen den perfekten Partner, der für uns alles tut, der uns abgöttisch liebt, über seine Grenzen für uns geht. Einen der uns jeden Tag glücklich macht, obwohl nur wir selbst für unser Glück verantwortlich sind. Wir wollen den Partner, der uns alle unsere Wünsche erfüllt, natürlich auch sexuell. Einen der sich niemals verändert, von dem Zeitpunkt an, in dem wir uns verliebt haben. Niemanden der einen anderen ansieht oder begehrt. Einen der uns ganz einnimmt und uns gleichzeitig aber auch ganz freilässt. Jemanden der niemals einen für die Beziehung so wichtigen Hochzeits-, Jahres-, Monats- oder Valentinstag vergisst, weil der ja letztendlich die Qualität und Intensität der Beziehung widerspiegelt.

Kurz: Wir nehmen unser Gegenüber so vollständig ein und nennen diesen Zustand dann Liebe.

In Wirklichkeit dreht sich alles aber nur darum, was wir selbst wollen! Ein wirkliches UNS gibt es in vielen Beziehungen heute gar nicht mehr. Das habe ich sowohl in meinen eigenen Leben beobachten können, als auch in vielen Beziehungen um mich herum. Wobei es auch hier, dem Himmel sei Dank, Ausnahmen gibt, die es anders vorleben und somit zu einer Art Vorbild für mich geworden sind.

Seitdem ich für mich diese Definition von Liebe entdeckt habe, die keinen Unterschied macht und in der es für mich weniger darum geht was ich will, sondern eher wozu ich bereit bin zu geben, bin ich freier geworden. So stehe ich am Beginn einer neuen Beziehung, sei es eine Liebesbeziehung, ein neuer Kumpel oder gar Freund, weniger unter Druck und kann es einfach passieren lassen. Aber ist es auch für mich wichtig geworden, dass ich liebevoller einen Menschen wieder gehen lassen kann, wenn es nicht mehr funktioniert.

Dort, wo es nicht mehr darum geht ein Leben lang zusammen zu bleiben, sondern die Zeit die man gemeinsam hat, seien es drei Wochen, drei Monate oder 30 Jahre, gemeinsam mit tollen tiefen Erlebnissen zu füllen, ohne von Anfang an diesem Druck ausgesetzt zu sein, dass es für immer sein muss. Dort, wo man einfach gemeinsam den Moment lebt und ihn teilt, sich gegenseitig wirklich liebevoll begleitet auf diesem Weg. Dort, wo man nichts bedingungslos zu verlangen braucht, sondern dem Gegenüber die Chance lässt, seine Wünsche und Bedürfnisse erfüllen zu wollen und nicht zu müssen. Dort wird man ein Stückchen freier sein und entkommt aus einem weiteren von Hollywood und Blume 2000 geschaffenem Hamsterrad.

Liebe, was bedeutet Liebe nun für mich?

Es ist letztendlich nur ein Wort, welches ohne Taten ziemlich wenig wert ist. Taten, die das Wort wertvoll machen sind meines Erachtens:

Dem anderen nur all das zu geben, wozu ich wirklich bereit bin, ohne Dinge zu tun, die ich eigentlich nicht tun möchte.
Mich selbst ein wenig zurücknehmen.
Keinen Druck auf den anderen auszuüben, um zu bekommen was nur ich will.
Bedingungslose Ehrlichkeit, auch wenn es manchmal unangenehm und der schwerere Weg ist.
Gegenseitiger tiefer Respekt.
Ehrliches Interesse am anderen.
Dem anderen den Raum zu lassen, den er braucht um sich entfalten zu können.
Echtes Vertrauen!
Für einander da sein ohne zu Klammern.
Dem anderen, wenn die Zeit gekommen ist, wirklich frei ziehen zu lassen. Denn Liebe bedeutet vor allem eines:

LOSLASSEN!!!

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Über Stefano

Stefano ist Blogger, Fotograf, Buchautor, Podcaster, Veganer und eine absolut coole Socke. Mit seinem „veganen Jakobsweg“ ist er bekannt geworden und hat damit den Grundstein gelegt für ein Leben in voller Authentizität. Mit seinem treuen Hundeopa an seiner Seite, lebt er in Hamburg und tourt durch die Nation um Menschen mit leckerem Essen und vor allem seiner bewegten aber sehr motivierenden Geschichte die Augen zu öffnen.

Du willst mehr über Stefano erfahren? Dann schau hier vorbei:

Stefano Vicinoadio´s veganes Experiment

Stefano Vicinoadio´s veganer Jakobsweg

Stefano Vicinoadio´s Blog

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