Männlichkeit für Anfänger

März 5, 2017

Männlichkeit ist für einen Mann super einfach: Bier, Frauen, Fußball, täglich mit körperlicher Arbeit das Familieneinkommen verdienen und stets eine starke Schulter und Arme zum Anlehnen. So, oder so ähnlich, ist das allgemeine Bild von einem „ganzen Kerl“. Doch, ist dieses Mannsbild überhaupt noch aktuell? Und ist es wirklich so einfach, ein ganzer Kerl zu sein?

Rollenverteilung: Die neue Männlichkeit

Das oben beschriebene Bild, muss wohl leider generalüberholt werden, denn nicht nur Zeiten ändern sich. Auch die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. So verdienen immer mehr Frauen das existenzsichernde Einkommen, trinken manchmal mehr Bier als ein Biker auf einem Heavy-Metal-Konzert, stehen im Sport ihren männlichen Kollegen in nichts nach – leider wird das finanziell noch nicht wirklich honoriert #Denkanstoß – und sind mindestens genau so oft die „Starke“. Männer hingegen – auch wenn dieses vor den Kumpels oftmals noch „cool-isiert“ werden muss – schmeißen den Haushalt, kochen feinste Gerichte, versorgen die Kids, dürfen sich mehr und mehr mit ihren Gefühlen beschäftigen und auch mal Schwäche zeigen.

Doch es gibt nicht nur Privilegien, sondern mit den neuen Rechten kommen auch weitere – oftmals geforderte – Pflichten hinzu.

Gesteigerte Anforderungen an die Männlichkeit

Mit unserer heutigen Zeit der grenzenlosen Möglichkeiten und Verfügbarkeit von Ressourcen, haben wir auch unsere Anforderungen an unser Leben hochgeschraubt. Während früher eine Sorte Marmelade reichte, wollen wir heute 5 im Kühlschrank haben. Einfach um bei der passenden Lust die richtige Sorte parat zu haben. Man hat halt nicht immer nur Erdbeerlaune 😉

Diese Bewegung in der Gesellschaft, lässt sich auch mehr und mehr in unserem Bild von Männlichkeit wiederfinden. Wir erwarten, wie in anderen Bereichen des Lebens auch: ALLES! Männer sind nun nicht mehr nur die Jäger, sondern ebenfalls die Sammler. Gentlemen & Bestimmer. Haudegen & Romantiker. Stark & Schwach. Zukunftsorientiert & Flexibel/Spontan. Eben der Nervenkitzel vom Loseziehen aber mit Gewinngarantie.

Zudem kommt noch hinzu, dass natürlich jeder Partner einen anderen Mix von Erwartungen hat. Und da man dem Partner ja liebt und sein Bestes möchte, versuchen viele es ihm einfach Recht zu machen. Kein Wunder, dass es da für manche Männer zur „Identitätskrise“ kommt.

Die Weltsicht eines unmännlich-männlichen Mannes

Seit ich denken kann, sieht die Welt mich als „unmännlich“ – zumindest ist es das, was mir widergespiegelt wird. In gesellschaftlichen Worten hieß das immer: „Bist du schwul oder wie?“ und dem damit verbundenen Annahmen, dass ich tatsächlich schwul sei – basierend auf meinem Verhalten und Interessen. Für mich Gott sei Dank noch nie eine Beleidigung, denn ob schwul oder nicht: ich bin einfach ich, und damit musst du wohl leben 😛

Ich bin (halbwegs) ohne Vater aufgewachsen und hatte nur meine Mama und meine Schwester. Hinzu kommt, dass ich nur mit Cousinen aufgewachsen bin, also stark feminin geprägt. Schon seitdem ich klein war, hatte ich großes Interesse an der Vielfalt der Welt und habe nie verstanden, warum manche Dinge – vor allem Spielzeug – männlich oder eben weiblich sind. So kam es, dass ich militärische Actionfiguren, Carrera-Bahn, Eisenbahn und Co. besaß und dennoch auf Familienfeiern am Tisch mit den Girls „Traumtelefon“ spielte, Bilder malte und mit einem „verkleide dein Modell“-Spiel wunderschöne Outfits gestaltete. Es war für mich einfach eines: Spielen!

Doch je älter man wird, umso „komischer“ wird das für die Menschen und die Einsortierung in die Kisten beginnt.

Das Gefängnis der Männlichkeit

Vorab, an: „Kinder können so gemein sein“, ist sowohl Wahres als auch Falsches dran. Kinder sind von Natur aus einfach liebevoll, verständnisvoll, neugierig und möchten die Welt entdecken. Bis (!) die Eltern mit ihren Ansichten dazwischen grätschen und die Kinder „programmieren“. Meistens fängt das im Schulkind-Alter an und setzt sich dann fort bis – ja bis wann eigentlich. Also auf jeden Fall weiter als mit 29, denn genau dieses Alter habe ich derzeit und merke die Nachwirkungen immer noch.

Im Schulalter lernte ich diese Programmierungen besonders kennen. Als Junge darf man die Action-Figuren unter den staunenden Blicken der Freunde nennen, jedoch nicht die Barbies. Pauls Papa hat nämlich gesagt, dass Jungs nicht mit Barbies spielen! Das man gerne Soldat spielt ist in Ordnung, sagt Max´s Papa, aber Mama beim Kochen und Backen helfen ist uncool, bestätigt auch Christians Papa. Und vom Singen und Tanzen redet man im besten Fall abwertend. Es sei denn du bist ein Mädchen, denn dann kannst du alles nennen und bist damit bei den Jungs absolut hoch im Kurs!

So kommt es dazu, dass mehr und mehr Männer ihre (wahren) Interessen verbergen und ein Schutzschild aufbauen, denn man will ja auch nicht uncool sein #LoserSeinIstDoof … Doch wie glücklich kann man damit wirklich werden … in ständiger Unterdrückung?

Der Weckruf an eine offene Gesellschaft

Wie bereits im Intro beschrieben merke ich, dass definitiv ein Umschwung im Bild der Männlichkeit einsetzt. Dennoch haben wir alle gemeinsam noch ein Stück Arbeit vor uns! Ich möchte mit diesem Artikel lediglich den Blick dafür schärfen, dass wir öfter mal schauen, wo wir mit Verurteilungen arbeiten und „Gendern“ oder wo wir einfach offen für den Menschen sind und ihn so nehmen, wie er eben ist: ein Mensch. Ich finde nämlich: je bunter und verrückter unsere Welt ist, umso spannender wird sie doch.

Hätte ich den verurteilenden Stimmen der Kindheit nachgegeben, würde ich heute nicht leidenschaftlich gerne singen und tanzen (egal ob ich es gut kann oder nicht). Ich würde bestimmt nicht genüsslich einen „Lillet Wild-Berry“ trinken, sondern einen Korn-Cola herunterwürgen. Ich würde nicht offen und ehrlich über meine Gefühle sprechen, sondern sie in mich hineinfressen, bis ich explodiere. Und mit absoluter Sicherheit würde ich nicht mein Leben so unbeschwert und entdeckend genießen, sondern ständig überlegen, ob es Mann „sowas“ wohl machen darf oder ob ich damit als „schwul“ gelte (übrigens ganz fiese Verknüpfung, denn damit verankern wir Homosexualität im Kopf als etwas Schlechtes!)

Lange Rede, kurzer Sinn

Männer und Frauen: liebt eure männliche Seite genauso wie eure weibliche Seite. Versteckt euch und eure Interessen nicht, nur weil die Gesellschaft es als „männlich/weiblich“ definiert. Entdeckt das Leben und erkennt wie wunderschön vielfältig die Welt ist.

Puppen und Autos sind für alle da! 😉

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